Viel Glitzer und Spektakel – das bleibt wohl auch vom Eurovision Song Contest in diesem Jahr in Erinnerung. Dabei sorgte nicht nur der Liedbeitrag Georgiens im Vorfeld für Ärger. Auch während des Finales in Moskau kam es zu einem Skandal mit politischem Hintergrund. Er fiel jedoch kaum auf - außer in den betroffenen Ländern.

Es geht um Armenien, Aserbaidschan und deren Konflikt um Berg-Karabach. Das Gebiet liegt auf dem Territorium Aserbaidschans, wurde aber überwiegend von Armeniern bewohnt. Ende der achtziger Jahre spitzten sich die Spannungen zu einem Krieg zu, dem ein bis heute fragiler Waffenstillstand folgte. Die Karabach-Armenier betrachten sich als unabhängig, werden aber von keinem Staat anerkannt, auch nicht von Armenien.

Armenien wollte den Grand Prix für ein Zeichen der Verbundenheit mit Berg-Karabach nutzen. Als die armenische Moderatorin in Eriwan mit der Bekanntgabe der Punkte an der Reihe war, hob sie ein Bild in die Kamera. Zu sehen war ein Symbol für die Eigenständigkeit Berg-Karabachs: eine „Tatik & Papik“ (Großmutter und Großvater) genannte Skulptur, die in Stepanakert, der Hauptstadt Karabachs, steht. Für die Aserbaidschaner war dies ein Affront. Berg-Karabach ist dort ein sehr sensibles Thema.

Störsignale in Aserbaidschan

Doch auch das aserbaidschanische Fernsehen verhielt sich nicht regelkonform: Die Übertragung des Grand Prix sei mehrmals gestört und die Punktezahl Armeniens nicht eingeblendet worden. Man habe auch nicht für Armenien stimmen können, schrieben Zuschauer aus Aserbaidschan auf Twitter und per Mail. Ihre Nachrichten hat der Fotojournalist Onnik Krikorian in seinem Blog zusammengetragen. Der Grand-Prix-Veranstalter hat davon offenbar nicht viel mitbekommen, eine Stellungnahme soll es bis Anfang Juni geben, erfuhr der NDR-Kollege Jan Feddersen .

Von diesem Aspekt abgesehen, wirft die Geschichte erneut ein Licht auf die Staatsnähe der Medien und ihre Propagandafunktion, besonders in Aserbaidschan. Beim Thema Armenien nehmen viele Aserbaidschaner derartige Manipulationen aber hin oder begrüßen sie sogar (wie auch die georgischen Nachbarn die Abschaltung russischer Fernsehsender während des Krieges im August 2008 hinnahmen und teils begrüßten).

Blumenfest statt Trauer

Für größeren Unmut sorgte hingegen die Berichterstattung über ein Ereignis Ende April. Es ist bezogen auf das Ausmaß mit dem Amoklauf von Winnenden vergleichbar: Bei einer Schießerei an der staatlichen Ölakademie in der Hauptstadt Baku wurden 13 Studenten getötet. Sehr spät erst berichteten die Fernsehsender und sehr widersprüchlich waren die Aussagen über den oder die Täter und deren Motive.

Die Regierung ist bemüht, das Thema so klein wie möglich zu halten. So verweigerte sie den Wunsch von Studenten und Opposition nach einem landesweiten Trauertag für die Opfer. Stattdessen veranstaltete sie wie geplant am 10. Mai mit pompösem Aufwand den „Tag der Blumen“. Anlass war der 86. Geburtstag von Haidar Alijew, des 2003 verstorbenen Präsidenten und Vaters des derzeitigen Staatschefs. Die Meinungen über diese Entscheidung waren geteilt. Dass es an diesem Tag auch Proteste und Festnahmen von 50 Demonstranten gab, war den meisten Fernsehsendern aber keine Meldung wert. Diskussionen darüber finden bei Facebook und anderen Plattformen im Internet statt.
Quelle: Tagesschau Blog Datum: 29.05.2009 - 21:20