Ihr erinnert Euch sicherlich an Karen Krüger, die nach der Ausstrahlung der Dokumentation "AGHET" an der Diskussion teilnahm. Hier ist ihre neue Reportage:
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Türkei
Das Versteck
Fünfundneunzig Jahre nach dem Völkermord reisen zwei armenische Familien in die Türkei zurück. Der einen fällt das Wiedersehen leicht, ihnen wurde damals geholfen. Der anderen nicht, für sie bleiben alle Türken Feinde.
Von Karen Krüger
23. Juni 2010
Sie wollte immer ihre Heimat sehen. Und oft wollte sie es auch nicht. Dann schlug die Sehnsucht in Wut und Traurigkeit um. Dann weinten sie und ihre Familie um die Ermordeten und das Verlorene. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist sechzig Jahre alt. Sie wurde dort geboren, wo sie auch wohnt, im Libanon. Vor wenigen Augenblicken aber hat sie den Ort, den sie Heimat nennt, zum ersten Mal betreten. Shoushan Faradschjan-Tschiftdsch- jan ist nach Kozan gereist, einer kleinen Stadt im Südwesten der Türkei, die früher einmal Sis hieß.
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Sie springt auf, läuft zur Tür, in der eine kleine ältere Dame mit weißer Handtasche steht. Es ist Nihal Karahaliloglu, die Enkelin des Imams. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan umfängt sie mit beiden Armen. Sie lacht. Sie weint. Nihal Karahaliloglu umklammert ihre Handtasche, sagt ach, ach. Streicht der Armenierin ungeschickt über die Wange. Über Generationen erfahrenen Schmerz, Dankbarkeit, überlebt zu haben, kennt die Türkin nicht. Ihr Großvater hat Leben gewährt, gerettet, darüber sprach ihre Familie. Nach außen verschwieg man es lieber. Etwas anderes ließ das Klima in der Türkei nicht zu. Hoca Camurdan war ein sehr bescheidener Mann, fasst Nihal Karahaliloglu zusammen.
Die Türkin legt ihr seidenes Kopftuch ab. Sie setzen sich. Keiner weiß, wo anfangen. Es ist, als sei mit lautem Knall ein Luftballon geplatzt. Und jetzt ist Stille. Erst nach und nach fliegen Erinnerungsfetzen durch die Luft, werden Bilder herumgereicht, ein Fotoapparat klickt. Der Moment, auf den man so lange gewartet hatte, ist ruhig, viel ruhiger als gedacht. Die Hagopians sitzen mit am Tisch, lauschen höflich. Den Tee, den man serviert, lehnen sie ab. Türkischen vertrage ich nicht, sagt die Mutter. Ob sie glücklich sei?, wird Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan gefragt. Sie nickt. Auch traurig, weil sie spüre, wie es bei einem anderen Lauf der Geschichte hätte sein können hier.
Reportage FAZ