Seit 95 Jahren – die USA in der Falle des armenischen Völkermordes
Wolfgang Effenberger
Unter
dem Pfad »Eiszeit zwischen USA und Türkei« lieferte die Suchmaschine
Google am Nachmittag des 5. März 2010 48.100 Einträge. Was hatte die
Türkei dermaßen erbost, dass sie ihren Botschafter aus Washington
abberief? – Kurz zuvor hatte der Auswärtige Ausschuss des
US-Repräsentantenhauses eine Resolution mit 23 zu 22 Stimmen
angenommen. Der Ärger über diese Resolution, in der die Tötung von bis
zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord
bezeichnet wird, veranlasste die Türkei zu diesem Schritt. Vor der
»Beleidigung« des wichtigen NATO-Verbündeten der USA im Nahen und
Mittleren Osten hatte die Obama-Administration gewarnt. Bis zuletzt
versuchte sie, die Abgeordneten davon abzubringen, dem Plenum eine
Völkermord-Resolution zur Abstimmung vorzulegen. Dabei hatte Obama noch
im Präsidentschaftswahlkampf 2008 erklärt, er werde die Tötung der
Armenier als Völkermord brandmarken. Heute steht Obama auch hier in der
Tradition seiner Vorgänger. So hatte die Bush-Administration schon bei
der ersten Beratung des Ausschusses vor drei Jahren massiven Druck auf
die Abgeordneten ausgeübt. Auch damals rief die Türkei ihren
Botschafter aus Washington zurück, und US-Regierungskreise fürchteten
um die Nutzung türkischer Luftwaffenstützpunkte für US-Kampfflugzeuge.
Nun muss noch die Resolution dem Plenum des US-Repräsentantenhauses
vorgelegt werden. Dort ist die Annahme weiterhin unsicher.
In
einer schonungslosen Studie beleuchtet US-Historiker Roger W. Smith
die Rolle seines Landes in der Behandlung des Völkermordes an den
Armeniern. (1) Zu Wahrung »nationaler Interessen« – in diesem Fall die
vorteilhaften ökonomischen und geopolitischen Beziehungen zur Türkei –
war Washington von 1920 an bis heute gewillt, jedes öffentliche Wissen
um den Völkermord zu unterdrücken.
Besondere humanitäre Verdienste kommen dem damaligen US-Botschafter
im Osmanischen Reich zu. Der Rechtsanwalt und eingebürgerter Amerikaner
mit deutsch-jüdischen Vorfahren, Henry Morgenthau (sen.), nahm seine
Aufgaben in Konstantinopel verantwortungsvoll wahr.
Bild: Archiv Wolfgang Effenberger
Nachdem am 5. November 1914 Russland, England und Frankreich der
Türkei den Krieg erklärt hatten, begann die nationalistische
»Jungtürken-Regierung« (2) im April 1915 das Schicksal der armenischen
Minderheit zu besiegeln. Am 24. April 1915 wurde die gesamte armenische
Elite in der Hauptstadt Konstantinopel, mehr als 600 hoch angesehene
armenische Persönlichkeiten und Intellektuelle, bei einer Razzia
verhaftet. Die Türkei, die im Ersten Weltkrieg Partei für Deutschland
und Österreich-Ungarn ergriffen hatte, beschuldigte die Armenier, mit
Russland gegen sie zu paktieren. Es folgte nun die systematische
Deportation und Vernichtung der armenischen Bevölkerung. (3)
Morgenthau gelang es, den persönlichen Kontakt zu den jungen Führern
des Türkenreiches herzustellen – besonders erwähnt sei hier Talaat Bay,
der Minister des Inneren. Beharrlich drängte Morgenthau darauf, dass
die »Jungtürken« die Deportationen und das Massaker am armenischen Volk
stoppten. Aus allen US-Konsulaten strömten die Alarmmeldungen über die
gegen die Armenier getroffenen Maßnahmen ein. Morgenthaus Bemühungen,
mit dem Innenminister Talaat die Lage der bedrängten Armenier zu
lindern, blieben erfolglos.
Inzwischen war am 27. April 1915 der Botschafter von Russland,
George Bakhmetoff, persönlich beim US-Außenminister Bryan vorstellig
geworden und hatte für die Armenier um Unterstützung seitens der
US-Regierung gebeten. Tags darauf ließ der US-Außenminister dem
russischen Botschafter mitteilen, dass die amerikanische Botschaft in
Konstantinopel angewiesen sei, Einfluss auf die türkische Regierung zu
nehmen, um Massaker an Armeniern zu verhindern und wirkungsvolle Mittel
zum Schutz der Armenier vor Gewalttätigkeiten sicherzustellen. Und der
US-Außenminister W.J. Bryan versicherte dem russischen Botschafter
höchste Berücksichtigung: »Accept, Excellency, the renewed assurances
of my highest consideration.« (4)
Am 24. Mai 1915 verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung
Frankreich, Englands und Russland die »Verbrechen der Türkei gegen die
Menschlichkeit und die Zivilisation«. Doch nur drei Tage später gibt
Innenminister Talaat Pacha die Verabschiedung eines »vorläufigen
Deportationsgesetzes« bekannt.
Daraufhin verfasste der US-Außenminister W.J. Bryan im Namen der
Alliierten, vor allem gedrängt von den Franzosen, einen warnenden
Aufruf an die türkische Regierung, die Massaker an den Armenier
einzustellen. Seit einem Monat hätten nachweislich Massaker bei
Erzerum, Dertchun, Eguine, Akn, Bitlis, Mouch, Sassoun, Zeitoun und
Cilicia stattgefunden. Alle Einwohner von ungefähr hundert Dörfern in
der Nähe von Van wären ermordet worden. Angesichts dieser neuen
Verbrechen der Türkei gegen Menschlichkeit und Zivilisation verkündeten
die verbündeten Regierungen öffentlich, dass sie alle Mitglieder der
ottomanischen Regierung und ihre Vertreter, die solche Massaker
auslösen, für diese Verbrechen für verantwortlich halten. Eine mutige
und klare Sprache des amerikanischen Außenministers.
»Les massacres d’Armeni«, Le Petit Journal vom 12. Dezember 1916
Quelle: © 2010 Kopp Verlag e.K. Verlag & Fachbuchversand
.