Konferenz in Istanbul „Politik und Religion“
Hier sind einige interessante Informationen über eine Konferenz die ende April in Istanbul stattfand. Mein Vater war auch dort und sprach unter anderen auch über das Thema " die armenischen Frage" und "der Völkermordes an den Armeniern". Hier eine interessante Zusammenfassung von verschiedenen Referenten und Politikern.
Von dem FAZ Korrespondenten Dr. Rainer Hermann hörten wir u.a.:
- Atatürk machte den Islam verantwortlich für den Rückstand in der Türkei. Deshalb müsse Politik die Religion kontrollieren. Er löste 1923 alle religiösen Institutionen auf (nicht Kirchen und Moscheen).
- Atatürk präsentierte u.a. die sichtbare Frau als Symbol für den Säkularismus. – Dagegen ist heute das Kopftuch ein Symbol gegen den laizismus geworden.
- Die Türkei ist das Land in der islamischen Welt mit der längsten Säkularisierung.
- Der politische Islam bildete sich in der arabischen Welt als Kampf gegen die Kolonialmächte bzw. gegen den Westen, in der Türkei dagegen, die immer unabhängig blieb, nicht in dieser Konfrontation zum Westen. Daher ging die Türkei einen eigenen Weg.
- 1960 lebten 30% aller Türken in Städten, 2005 sind es 70%! Das hat den Säkularismus auch vorangetrieben.
- Man spricht in der Türkei bereits von einem Postislamismus.
- Erdogan kommt aus der Unterschicht, von den sog. schwarzen Türken der anatolischen Peripherie, die immer von der Macht ausgeschlossen waren.. Die weißen Türken sind die Militärs, die Elite des Establishment. Man spricht von 50.000, die das Land beherrschen.
- Erdogan hat in den 2 1-2 Jahren seiner Amtszeit voll auf die EU-Karte gesetzt.
- Mutter aller islamischen theologischen Fakultäten ist in Ankara. Sie hat das Ende des Taqlid (einer traditionellen Interpretation des Islam) eingeleitet und das Bab el Ijtihad wieder eröffnet. Damit wird der Koran mit modernen westlichen Methoden (Gadamers) interpretiert.
- Die Türkei ist lange nicht von der arabischen Welt zur Kenntnis genommen worden.
- Nach den Aussagen der Schwester des ehemaligen Königs Hussein von Jordanien, Basmat, hat die Türkei vorbildcharakter für die islamischge welt bekomen. Nun sei es möglich, Muslim zu sein und gleichzeitig Demokrat.
- Es hat über Jahrzehnte hinweg keine religiöse Ausbildung in der Türkei gegeben.
- Der Nationalismus steht im Vordergrund, nicht der Islam.
- Alles Religiöse ist suspekt. Eigentlich gibt es keinen Islam mehr.
- Pluralismus ist im Grunde genommen nicht zugelassen.
Von Pater Dositheos vom Ökumenischen Patriarchat hörten wir:
- Das Priesterseminar der griech.orthodoxen Kirche ist seit dreißig Jahren geschlossen. Man kann zwar in Ankara auf der Universität griechisch orthodoxe Theologie studieren, aber was die Kirche will, ist Priesterausbildung. Diese geschieht daher im Ausland.
- Der Patriarch lehnte es ab, die Priesterschule zu verstaatlichen. Daher ist sie geschlossen.
- Ein allgemeines Problem ist: wenn die Priesterschule geöffnet werden würde, hätten die islamisten auch das Recht, ca. 40 islamische Hochschulen zu eröffnen.
- Die Türken sind europafreundlich, aber so, wie sie es sich vorstellen.
- Im Hinblick auf die wenigen übrigen Armenier und Griechen im Land: „Signifikant ist die tatsache, dass das Biologische nicht mehr regenerierbar ist.“
- Von „Kryptochristen“ im Bereich des Schwarzen Meers, Pontus und Kappadozien war die Rede.
Der EU-Botschafter Hans-Jörg Kretschmer (der als der „mächtigste Mann in der Türkei“ gilt) sagte:
- Die Türkei ist das wichtigste außenpolitische Thema der EU.
- Zu den Kopenhagener Kriterien von 1993 gehört es, dass ein Land stabile Institutionen haben muss, u.a. auch Minderheitenschutz und wahrung der Menschenrechte.
- 2004 kam die Kommission zum Schluss, dass die Türkei die politischen Kriterien ausreichend erfüllt, um mit Beitrittsverhandlungen zu beginnen.
- Viele neue Gesetzgebungen gab es kürzlich in der Türkei, aber die Praxis entspricht vielfach noch nicht der neuen gesetzgebung.
- Religionsfreiheit ist ein heikles Thema in der Türkei.
- Die Sunniten werden in der Türkei unterstützt und gleichzeitig kontrolliert. Die Imame werden bezahlt, Moscheen werden renoviert, die freitagsgebete werden vorgegeben.
- Die Aleviten sind 12-20 Millionen stark.
- Die griechisch orthodoxen, armenier und Juden haben alte Sonderrechte. Alle anderen Religionsgemeinschaften im Land sind praktisch rechtslos.
- Die Religion darf nicht auf die Staatsgeschäfte Einfluss gewinnen.
- Der größte Gegner für den beitritt der Türkei in die EU ist die Türkei selbst. 1. Die sog. “roten Linien