Elif Shafak wurde 1971 in Strasbourg als Tochter einer türkischen Diplomatin geboren, wuchs in Spanien auf, studierte dann in der Türkei und lebt heute in den USA.
"Der Bastard von Istanbul" wurde tatsächlich im Original auf Englisch geschrieben, seit wenigen Tagen liegt auch die deutsche Version vor.
Unmittelbar nach dem Erscheinen des Werks wurde Shafak von der tr Juristenvereinigung wegen Beleidigung des Türkentums angezeigt, es kam zum Prozess, der allerdings im September 2006 mit Freispruch endete.
Ich hab das Buch soeben ausgelesen (458 Seiten in 2 Tagen, einer davon Arbeitstag; schade, dass es schon aus ist) und war sehr beeindruckt. Obwohl es meiner Meinung nach nicht ganz so mitreissend wie "Die Heilige des nahenden Irrsinns" geschrieben ist, fasziniert mich wieder einmal Shafaks präzise Beobachtungsgabe, das Auf-den-Punkt-bringen ihrer Aussagen, die wunderbar gezeichneten, zum Teil geradezu allegorischen Figuren (von skurrilen Comictypen bis hin zu hochkomplexen Charakteren) und ihre Fähigkeit, mit wenigen Strichen Stimmungen greifbar zu machen.
Es geht um ein Mädchen (Vater kalifornischer Diasporaarmenier in den USA, Mutter US-Landpomeranze), deren Eltern sich getrennt haben. Die Mutter ist in zweiter Ehe (ausgerechnet) mit einem Türken verheiratet, die Tochter verbringt ihre Zeit abwechselnd bei ihr und bei der Großfamilie des Vaters in San Francisco (großartige Typen, so richtig my-big-fat-Greek-wedding-artig).
Sie beschließt eines Tages, sich auf die Spur ihrer eigenen Herkunft zu machen und reist nach Istanbul, wo nicht nur ihr Vater herstammt, sondern auch die Familie ihres Stiefvaters lebt, bei der sie zu Gast ist.
Shafak belehrt nicht, lässt aber keinerlei Zweifel daran, was 1915 wirklich passiert ist. In einer alptraumhaften Sequenz erzählt zum Beispiel ein Dschinn einer sehr religiösen Türkin, was er damals gesehen hat. Ohne die fragwürdigen Stilmittel Blutorgie und Effekthascherei (die meiner Meinung nach Hilsenrath zelebriert, den ich persönlich nicht aushalte) beschreibt Shafak, was da los war, und das ist in der Türkei bekanntlich bei Strafe verboten, daher auch die Anzeige.
In zahlreichen Zeitsprüngen wird die Geschichte beider Familien skizziert (keine Angst, ist überhaupt nicht langatmig), dabei kommen unerwartete Parallelen zu Tage und mehr verrate ich nicht, sonst verderbe ich potenziellen Lesern ihre Lektüre.
Ich würde mich freuen, vielleicht von Westarmeniern hier im Forum, vielleicht sogar solchen aus Istanbul, zu hören, wie ihnen die Geschichte gefällt. Was meint ihr dazu? Denkt ihr ähnlich wie "Asya" oder eher wie "Aram"?
ps: cool ist auch, dass diese Hauptfigur gern in einen diasporaarmenischen Chat geht, das hat mich an etwas erinnert.... [gruen]